Freiheit, Gleichheit, Entfaltung

Die politische Philosophie des Perfektionismus
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Als Theorie des Guten fordert der Perfektionismus eine gelingende menschliche Entwicklung; als politische Philosophie stellt er Institutionen die Aufgabe, die Entfaltung der Individuen zu ermöglichen. Eine solche Politik steht heute allerdings unter liberalem Generalverdacht. Christoph Henning stellt die Debatten um den Perfektionismus erstmals umfassend dar und zeigt im Rückgriff auf radikale Denker von Jean-Jacques Rousseau bis Thomas Hurka, dass der Perfektionismus als zentraler Bestandteil des Projektes von Freiheit und Gleichheit zu begreifen ist.
Inhalt


I. Einleitung 9



II. Überblick und Kritik: Der Perfektionismus der Gegenwart 31



1. Neues Naturrecht: Repressive Lehren vom Guten? 33

Der politische Kontext von Robert P. George 33

Georges akademischer Perfektionismus 41

Georges Rawlskritik: Die Wahrheit des Guten 50

>Freiheit, die ich meine...< Bürgerrechte nach George 55

Zwischenfazit einer Herausforderung 61



2. Skepsis gegenüber dem Guten: Die Neutralitätsthese63

Rawls' Neuentwurf als missglückte Antwort auf Michael Sandel 63

Rawls' Neuentwurf als Antwort auf Finnis und George 70

Ist der Perfektionismus nur eine sektiererische Theorie des Guten? 75

Perfektionistische Elemente bei Rawls 78

Liberaler Neutralismus neben Rawls 89

Wie weiter?101



3. Perfektionistische Neuansätze 103

Thomas Hurkas Neuauflage aus dem Geist des Utilitarismus 106

George Shers Neuauflage aus dem Geist des Aristotelismus 125

Steven Walls Perfektionismus der Autonomiebedingungen 144



III. Gesellschaft, Natur und Selbst in alternativen Ansätzen 171



1. Rawls' Nietzsche, Cavell und Hayek:

Ungleichheit und Gesellschaft 172

Gleichheit statt Perfektionierung? Eine fehlgehende Sortierung 173

Wie egalitär ist Nietzsches Perfektionismus? 188



2. Das Schwinden der Natur bei Martha C. Nussbaum 215

Ist der Neoaristotelismus ein Konservativismus? 215

Nussbaums Bruch mit ihren perfektionistischen Anfängen 217

Konturen der Kehre 220

Die halbiert Natur 229

Ein stoischer Seitenzweig 231

Nussbaum, Butler und die Zirkel um die Natur 233



3. Selbstverwirklichung ohne Selbst: Zur Kritik der Anerkennung239

Das Hegelsche Allgemeine: Selbstverwirklichung bei Axel Honneth 241

Eindimensionale Gerechtigkeitsnormen und das Zehren vom Früheren 247

Anerkennung als Zugang zu Systemen und der Effekt der Normalisierung 253

Ideologisierung durch Geltungsüberhang und das Fehlen radikaler Normen 257

Welches Selbst in der Selbstverwirklichung? 269



IV. Gesellschaft, Natur und Selbst im traditionellen Perfektionismus 277



1. Gesellschaft und Gleichheit: Egalitärer Aufklärungsperfektionismus 278

Rousseau an der Schwelle zur Gleichheit 279

Rousseau mit Aristoteles 286

Der gemäßigte Kant, seine radikaleren Vorgänger und das Glück 290

Der egalitäre Perfektionismus bei d'Holbach und Helvétius 309

Der egalitäre Perfektionismus bei Condorcet 319



2. Natur und Freiheit: MacIntyre, Mill und Dewey 334

Alasdair MacIntyre und die menschliche Natur 334

John Stuart Mill: Individualität als entwickelte Natur 368

John Dewey: Perfektionistische Freiheit und Politik 375



3. Selbst und Entfaltung: Von Otto Gross zu Cark Rogers 406

Welche Selbstverwirklichung? Institutionelles oder impulsives Selbst 407

Otto Gross: Radikalindividualistischer Perfektionismus 417

Karen Horney und das wahre Selbst 434

Selbstverwirklichung bei Maslow und Rogers: Eine Verteidigung 443



4. Natur, Gesellschaft und Selbst bei Marx 459

Individuum und Gemeinschaft beim jungen Marx 460

Individualismus beim späteren Marx 469

Naturphilosophische Grundlagen der Individualität 472

Ungleiche Freiheit zur Selbstverwirklichung:

The Hidden Injuries of Class 487



V. Freiheit, Gleichheit, Entfaltung: Fazit 493



Wegmarken und große Linien 493

Ein Blick in die Gründe: Die Rolle der Natur in der Ethik 499

Konturen der egalitären Gesellschaftstheorie 509

Konturen des individualistischen Ziels 512

Perfektionistische Wertphilosophie, Politik und Ästhetik 515



Literatur 523
Als Theorie des Guten fordert der Perfektionismus eine gelingende menschliche Entwicklung; als politische Philosophie stellt er Institutionen die Aufgabe, die Entfaltung der Individuen zu ermöglichen. Eine solche Politik steht heute allerdings unter liberalem Generalverdacht. Christoph Henning stellt die Debatten um den Perfektionismus erstmals umfassend dar und zeigt im Rückgriff auf radikale Denker von Jean-Jacques Rousseau bis Thomas Hurka, dass der Perfektionismus als zentraler Bestandteil des Projektes von Freiheit und Gleichheit zu begreifen ist.
Autor: Christoph Henning
Christoph Henning ist Junior Fellow am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt und Privatdozent für Philosophie an der Universität St. Gallen.
I. Einleitung

Zu welchem Ende studiert man Perfektionismus?

Perfektionismus im Sinne der politischen Philosophie bedeutet, dass es gehaltvolle Vorstellungen vom guten Leben gibt, nach denen Menschen sich in ihrer persönlichen Entwicklung richten sollen und sich zugleich, so die Unterstellung, immer schon richten, sonst wäre diese Ethik theoretisch nur als abstrakte Forderung, praktisch nur als Paternalismus möglich. Diese Theorie versucht somit die Kluft zwischen Sein und Sollen in einem Aristotelischen Sinne zu überbrücken. Gut in praktischer, nicht nur moralischer Hinsicht ist es, wenn Menschen ihre Anlagen in eine wün-schenswerte Richtung entwickeln (die Tradition nannte dies "Pflichten gegen sich selbst", Hurka 1993: 5), und wenn sie und die Institutionen andere Menschen dabei unterstützen, das zu tun (das wären dann Pflichten gegen andere). Welche Ziele dies sind, ob sie ganz oder nur annäherungsweise erreicht werden können und wie eine Förderung durch andere genau aussehen mag, darin unterscheiden sich verschiedene Versionen des Perfektionismus. Den Grundgedanken einer Entwicklung zum Guten teilen sie.

Nach dieser Vorstellung steht am Ende dieses Strebens ein Zustand des nachhaltigen Glückes, des gelingenden oder blühenden Lebens (im Eng-lischen: "flourishing"), und nach diesem Gut streben letztlich alle Menschen. Das Kriterium dafür, ob eine solche persönliche Entwicklung gut verläuft oder nicht, ist eine im Prinzip feststellbare Größe. Das erlaubt Brückenschläge zur Sozialforschung. Der Begriff ist also abzugrenzen gegenüber der alltäglichen Verwendungsweise, die damit einen Habitus des Nie-Zufrieden-Seins bezeichnet. Ein perfektionistischer Maler betrachtet sein Werk ungern als vollendet und kann darum jahrelang an nur einem Gemälde arbeiten. Perfektionismus grenzt in diesem Verständnis an eine Pathologie, da das normale Leben so immer einen Schatten des Unvollkommenen erhält und die aktive Betätigung so gehemmt werden kann.

Dieses Verständnis ist ebensowenig gemeint wie die Spekulation einer naturhistorischen Vervollkommnung des Menschengeschlechtes, wie sie heute im Horizont der Gentechnik als Horrorszenario auftaucht. Gemeint ist vielmehr die Theorie des menschlich Guten, die dieses als glücksför-derliche menschliche Entwicklung begreift und zugleich zum normativen Maßstab sozialer Institutionen kürt. Perfektionismus ist ein ungünstiger Titel dafür, wenn es suggeriert, es ginge darum, Menschen "perfekt" zu machen. Gerade dagegen haben sich Perfektionisten wie John Dewey oder Karen Horney gewandt, wie wir sehen werden. Falsch ist das insbesondere dann, wenn es religiöse Untertöne bekommt. Bei Aristoteles, der als zentraler Ideengeber gelten muss, besteht die Vollkommenheit des Glückes lediglich darin, das den Menschen Mögliche zu erreichen - und darüber hinaus lässt sich vernünftigerweise nichts wünschen. Das Glück als höchstes menschliches Gut genügt sich selbst (Aristoteles, NE 1094b7, vgl. 1097b7ff., 1102a15). Die menschliche Endlichkeit wird nicht zu überschreiten versucht, vielmehr wird das Streben auf erreichbare Ziele verwiesen, etwa: weg vom unendlichen Streben nach Reichtum, hin zu persönlichen Beziehungen. Dieser Gedanke findet sich noch in der Aufklärung: "Vollkommenheit einer Sache kann nichts sein, als dass das Ding sei, was es sein soll und kann" (Herder 1793: 93). Moderne Varianten des Perfektionismus, etwa bei Dewey, haben sich zwar gegen Aristoteles' Vorstellung eines erreichbaren Zustands gewandt, bleiben wie er aber diesseitig gerichtet: "Not perfection as a final goal, but the ever-enduring process of perfecting, maturing, refining is the aim in living" (Dewey 1920: 141).

Die konfliktgeladene Aristotelesrezeption des Christentums versuchte allerdings, dieses menschliche Glück als etwas Jenseitiges zu begreifen. Erst dieses Mischprodukt verleiht der Perfektionierung ihre scheinbare Hybris. Sich selbst gottähnlich machen zu wollen mach

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Rezensionen

Autor: Christoph Henning
ISBN-13 :: 9783593504940
ISBN: 3593504944
Erscheinungsjahr: 01.08.2015
Verlag: Campus Verlag GmbH
Gewicht: 680g
Seiten: 552
Sprache: Deutsch
Sonstiges: Taschenbuch, 213x144x38 mm, 3 Abbildungen und 7 Tabellen
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